Protokoll, ZEIT Magazin

Die furchtbar komplizierte Normalität

Flüchtling Arman, ZEIT Magazin
 
 

Für das Zeit Magazin (Ausgabe Flüchtlinge in Deutschland) hat mir der Afghane Arman von seiner schwierigen Jobsuche erzählt.

 

"Zum Chef sagte ich: Ich spreche sieben Sprachen"

 

Den Deutschen ist Arbeit sehr wichtig. Am Anfang dachte ich, mit der Frage "Was machst du?" meinen die Leute: "Wie geht es dir?" Aber tatsächlich fragen sie nach dem Beruf.

In Afghanistan hatte ich alles: Führerschein, Auto, ein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaft. Ich arbeitete für eine Gesundheitsorganisation, finanziert von der Europäischen Union und den Amerikanern. Eines Tages kam ein Drohbrief: Warum arbeitest du für die Ungläubigen? Mehrmals versuchten die Taliban, mich zu erschießen. Damit ich Geld für meine Flucht habe, hat mein Vater unser Haus verkauft. Drei Monate lang war ich unterwegs, bis ich in München ankam, wo mein Schwager lebt. Aber ich durfte nicht bei ihm wohnen, sondern musste in eine Unterkunft in der Oberpfalz ziehen. Erst nach acht Monaten wurde mir Sprachunterricht gewährt. Meine Lehrerin, eine 70-jährige Rentnerin, hat mir sehr geholfen, ich nenne sie Mama.

Nach dem Sprachkurs ging ich in die Flüchtlingsklasse der Berufsschule. In nur neun Monaten habe ich dort einen Abschluss gemacht, der dem Hauptschulabschluss entspricht, mit der Note 1,1. Jetzt fängt mein Leben an, dachte ich. Weil ich ein Praktikum in einer Pizzeria gemacht hatte, bewarb ich mich bei der Restaurantkette Vapiano in München, und sie nahmen mich. Aber das Landratsamt sagte, dass ich nicht in München, sondern nur in Cham arbeiten dürfe. Ich war verzweifelt.

Als ich letzten August eine Aufenthaltserlaubnis bekam, habe ich vor Glück geweint. Über einen Bekannten erfuhr ich von einem Kurs für Wachpersonal bei der Industrie- und Handelskammer. Ich lernte Gesetze, Sicherheitstechnik und wie man sich in einem Notfall verhält. Danach fing ich bei einem Sicherheitsdienst an. Aber als ich den Nachtzuschlag einforderte, der mir zustand, hat die Firma mich nicht weiterbeschäftigt. Also wieder von vorn: 30 Bewerbungen, Absagen oder keine Antwort.

Zur nächsten Firma bin ich einfach hingefahren und habe dem Chef gesagt: "Jemand hat mir erzählt, Sie suchen Mitarbeiter." Der Chef antwortete: "Bringen Sie morgen Ihre Unterlagen." – "Hab ich schon dabei", sagte ich. "Und ich spreche sieben Sprachen: Paschtu, Dari, Farsi, Hindi, Englisch, Deutsch, etwas Arabisch." Das fand der Chef gut, denn seine Firma bewacht Einrichtungen für minderjährige Flüchtlinge. Dort half ich nebenbei auch als Dolmetscher aus. Es lief super – dachte ich. Aber noch in meiner Probezeit bekam ich die Kündigung. Mein Chef sagte, er sei zufrieden mit mir, aber ein Betreuer im Wohnheim fand wohl, ich hätte teilweise zu emotional reagiert. Und wenn der Kunde sich beschwert, kann mein Chef mich nicht weiterbeschäftigen.

Ich möchte einen Film über meine Flucht drehen. Deutsche Filmstudenten haben mir gesagt: Das kannst du nie finanzieren. Aber ich bin mit nichts aus Afghanistan hierhergekommen. Ich schaffe das.